
Annabelle von Reutern, TOMAS Transformation of Material and Space, über Transformation und ihre Bedeutung in der Gesellschaft.
Wir haben unser Büro Transformation of Material and Space genannt. Es gibt also eine gewisse Affinität zu dem Begriff und dem Prozess dahinter. Es ist schlicht an der Zeit in der Geschichte der Menschheit, unser Sein radikal zu hinterfragen und an die aktuellen Gegebenheiten, die wir selbst verursacht haben, anzupassen. Das fällt schwer. Der Kapitalismus ist unersättlich, und einmal in seine Klauen geraten, kommt man schlecht wieder hinaus. Das geht uns nicht anders als anderen Menschen. Das Problem ist nur, dass wir damit Dinge verbrauchen, die uns nicht zustehen.
Um auf die Frage zu antworten: Nein, Transformation ist nicht das nächste Buzzword nach der Nachhaltigkeit. Trans-Form – das Wort an sich impliziert ein Handeln. Transformation muss angegangen und praktiziert werden. Dagegen ist die Nachhaltigkeit als Begriff schwammiger und lässt viel mehr Raum zur Interpretation. Die Intransparenz ist häufig sehr hoch, so dass die Konsument*innen schwer erkennen können, ob tatsächlich „nachhaltig“ gehandelt, gebaut oder produziert wurde oder nicht. Greenwashing ist die Folge. Die inflationäre Verwendung des Begriffs „Nachhaltigkeit“, schadet der Sache an sich und letztendlich dem Planeten, da eine Frustration und Fatigue entstehen, wenn Konsequenzen ausbleiben.
Der Begriff Bauwende wird mittlerweile ähnlich inflationär verwendet, wie die Nachhaltigkeit. So zu sehen beim letzten Klimafestival. Dort war beim Deutschen Abbruchverband folgender Spruch zu lesen „Bauwende – Ohne Abriss geht es nicht.“ Das ist schon ein starkes Stück und führt den Einsatz von Architects for Future und vielen weiteren Akteur:innen ad absurdum.
Der Frust von vielen, insbesondere jüngeren Planer*innen über das tradierte System, ist deutlich zu spüren, so dass eine Transformation, also ein echter Wandel, unumgänglich scheint. Es darf jedoch keine Seitwärtsbewegung bleiben. Leider scheint es teilweise so, dass gar eine Rückwärtsbewegung eingesetzt hat. Grundfesten geraten ins Wanken. Das Patriarchat schlägt dieser Tage noch einmal mit aller Härte zu, um zu zeigen, wer die Weltordnung bestimmt. Doch die meisten Menschen haben genug von machtgierigen und unempathischen Führern. Sie wollen neue Lebens- und Gestaltungsformen erproben. Und genau das tun wir auch mit unserer Arbeit, die einen Raum jenseits von Schubladendenken erschafft.
Ich kann nur dazu ermutigen, die Lebenszeit, die uns bleibt, zu nutzen, um Dinge ohne Schuld und Scham auszuprobieren, im Sinne der Gemeinschaft und des Miteinanders. Und wenn doch die Angst vor dem tiefgreifenden Wandel hochkommt, was sehr menschlich ist, tut es gut, diese Ängste auszusprechen und gemeinsam auszuhandeln, anstatt sich Schuldige zu suchen, die angeblich für unsere Misere verantwortlich sind. Ich glaube, dass wir und alle Menschen nach uns ein sehr viel schöneres Leben auf diesem Planeten haben könnten, wenn wir der Transformation vertrauen würden.

Beim 19. Dachwelten-Hochschulwettbewerb im vergangenen Jahr überzeugte das Team der THWS Würzburg-Schweinfurt mit der „Kulturstelle“ – einem Konzept zur architektonischen Transformation einer Tankstelle. Kristin Ammersbach, Marvin Hörnle, Lea Schlereth und Tom Stryjski entwickelten unter Betreuung von Prof. Stefan Niese und Prof. Dorothea Voitländer einen Entwurf, der das bestehende Tankstellendach neu inszeniert. Es wird zur begehbaren Ebene und verbindendem Laufsteg zwischen drei neuen Baukörpern. Letztere werden von begrünten Pultdächern mit PV-Anlage gekrönt und schaffen Raum für Gastronomie, Co-Working und Kultur. Die Jury würdigte die übertragbare Strategie zur Aufwertung und Umnutzung urbaner Räume mit 5.000 Euro. Wir gratulieren!
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