// EINE STADT IM UMBRUCH



// NATHALIE DE VRIES, JACOB VAN RIJS, WINY MAAS (V.L.) BÜRO MVRDV

Wer heute durch Tirana geht, ist umgeben von einem Konglomerat aus spektakulären Landmarken, aktiven Baustellen und monumentaler Vergangenheit. Die albanische Hauptstadt befindet sich in einem städtebaulichen und architektonischen Umbruch, der ihre Identität nach und nach verändert. Eine Identität, die es lange Zeit eigentlich gar nicht gab.

Ursprünglich war Tirana eine kleine, verschlafene Provinzstadt. Mit ihrer Ernennung zur Hauptstadt im Jahr 1920 und durch den politischen Einfluss Italiens entstanden innerhalb von nur zwei Jahrzehnten das Regierungsviertel und die Grundzüge des heutigen Straßennetzes. Durch die kommunistische Machtübernahme wurden die muslimische Balkanarchitektur und die Villen aus der italienischen Besatzungszeit durch Plattenbauten und weitere monumentale Betonstrukturen ersetzt oder ergänzt. Eine davon ist die 21 Meter hohe „Pyramide“, die als Museum und Mausoleum des verstorbenen Diktators Enver Hoxha errichtet wurde. Von ihrem höchsten Punkt, auf dem zu Beginn ein beleuchteter roter Stern prangte, laufen die in Marmor bekleideten Dachflächen sternförmig nach unten. Unterbrochen wurden sie von Glasflächen, die durch roten Stahl unterteilt waren. Im Inneren: eine Extravaganz, die die Verherrlichung Hoxhas auf die Spitze trieb.

Die Pyramide von Tirana ist das teuerste Bauwerk, das der kommunistische Staat je errichtete.
// VERSUNKEN IM CHAOS

Nach dem Ende des Kommunismus Anfang der 1990er Jahre erlebte Tirana ein starkes Bevölkerungswachstum. Der Privatbesitz war während der Diktatur abgeschafft worden, das Siedlungswachstum jetzt entsprechend unkontrolliert. Und auch der zuvor verbotene private Autoverkehr kehrte zurück und verstopfte die Straßen. Die ohnehin schon ungeplante Verstädterung geriet vollkommen außer Kontrolle. Einen ersten Impuls gegen diese Entwicklung setzte der damalige Bürgermeister Edi Rama in den frühen 2000er Jahren. Der Politiker und Künstler veranlasste neben dem Abriss illegaler Bauten auch die farbige Gestaltung vieler Fassaden, die bis heute in Tirana zu sehen sind. Währenddessen wurde die Pyramide für verschiedenste Zwecke genutzt: als Radiostation, Ausstellungs- und Konferenzzentrum, Nachtclub und während des Kosovokriegs als Nato-Stützpunkt. Das Chaos, das sich im Stadtbild zeigte, war durch die zahlreichen Nutzungen und damit verbundenen Umbauten nun auch im Inneren der Pyramide angekommen. Ihre Dachflächen hingegen wurden zurückerobert: Kinder und Jugendliche nutzten sie – unerlaubterweise – für Rutschpartien.

// AUS EINER VISION WIRD WIRKLICHKEIT

Nach seiner Wahl zum Premierminister initiierte Rama das Programm „Tirana of the New Generation“ und lud über 30 internationale Architekturbüros ein, die Stadt neu zu denken. Im Jahr 2017 wurde schließlich der zum gleichen Zeitpunkt beauftragte „Masterplan 2030“ des italienischen Architektur- und Stadtplanungsbüros Stefano Boeri Architetti verabschiedet. Statt weiteren Flächenverbrauchs sieht er unter anderem die vertikale Verdichtung, einen Grüngürtel um die Stadt mit zwei Millionen Bäumen und den Ausbau des öffentlichen Raums vor. Seitdem erlebt Tirana einen echten Bauboom: Futuristische Türme und vertikale Dörfer wachsen in die Höhe; kommunistische Monumente wie die Pyramide erhalten eine neue Nutzung.

„Einst sarkastisch als ‚Enver-Hoxha-Mausoleum‘ bezeichnet, ist die umgestaltete Pyramide nun ein Monument für die Menschen und ihre Fähigkeit, Diktatoren zu überstehen und zu überleben.“
Winy Maas, Gründungspartner von MVRDV
Der einst düstere, überfrachtete Innenraum steht heute für Offenheit und die Gemeinschaft.
// EIN DACH ZUR EROBERUNG

Für letztere Aufgabe wurde das niederländische Büro MVRDV beauftragt. Aus dem brutalistischen Bau, der einst für die Abschottung eines ganzen Landes stand, sollte ein offenes Kultur- und Bildungszentrum werden. Dafür griffen die Architekt*innen genau jene spielerische Aneignung auf, die in den vorherigen Jahren stattgefunden hatte. Zunächst entkernten sie das Gebäude bis auf seine Betonstruktur und öffneten sie zum umliegenden Park, der Teil des Gestaltungskonzeptes ist. Über horizontale Klappen zwischen den Betonrippen lässt sich der Innenraum vor Regen schützen. Das Raumprogramm, darunter Lehrräume einer gemeinnützigen Bildungseinrichtung für Jugendliche, Startup-Büros, Atelierräume, Cafés und Restaurants, brachten sie in bunten Boxen unter, die nicht nur den Park, sondern auch das Gebäude und seinen Innenraum zieren. Diese Form der Aneignung wird durch die Transformation der Dachflächen zu Treppen fortgesetzt. Die Menschen haben nun die Möglichkeit, das Gebäude zu begehen und auf seinem höchsten Punkt den Ausblick über die Stadt zu genießen. Als Erinnerung an die einstigen Rutschpartien blieb eine der Dachflächen stufenlos und wurde durch Seitenwände gesichert. So können Kinder wie Erwachsene dem einstigen Denkmal Hoxhas heute ohne Gefahr „den Buckel runterrutschen“.

Wie sich Tirana weiterentwickelt und ob die Stadt ihre Identität finden wird, bleibt abzuwarten. Viele sehen die ambitionierten Pläne Ramas und Stefano Boeris kritisch oder gar unrealistisch. Fakt ist jedoch, dass die Transformation der Stadt überall erlebbar ist und nicht, wie so oft, nur auf dem Papier stattfindet.

Bildnachweise: Eric Smits (1); Ossip van Duivenbode (2-4)

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