
Auf dem ehemaligen Mannheimer Kasernengelände der Spinelli Barracks waren noch bis 2014 amerikanische Streitkräfte ansässig. Im Normalfall wäre irgendwann der Abriss gefolgt. Weil Mannheim jedoch Gastgeber der Bundesgartenschau (BUGA) im Jahr 2023 war, sollte der leerstehende Bestand als Hauptgebäude reaktiviert werden. Die Architekt*innen von Hütten & Paläste planten die Halle zu einem Ort für Veranstaltungen, Ausstellungen und Gastronomie um. Mit ihrer Herangehensweise setzten sie Impulse für ein zeitgemäßes und flexibles Nachnutzungskonzept.
Der Bestand stammt aus dem Jahr 1938 und wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zu der namensgebenden U-Form ausgebaut. Mit seinem Nord- und Südflügel, einem Umgriff von rund 700 Metern und einer Bruttogrundfläche von 21.000 Quadratmetern folgt er einem repetitiven System aus Stützen und Trägern. Belichtet wurde die Halle bis dato durch ein umlaufendes Oberlichtband im versetzten Pultdach aus den 80er Jahren, welches sich durch unterschiedliche Firsthöhen auszeichnet. Sichtbeziehungen zum angrenzenden Freiraum gab es somit kaum. Als 2020 der Planungswettbewerb für die U-Halle ausgeschrieben wurde, stand das Raumprogramm noch nicht fest. Also entwickelte das Berliner Architekturbüro keinen fertigen Entwurf, sondern ein anpassbares Umbaukonzept. Es folgt zuvor festgelegten Rückbau- und Organisationsprinzipien und macht die Halle auch über die BUGA hinaus wandelbar.
Der erste Schritt im Planungsprozess lag in der Untersuchung verschiedener Perforationen der Gebäudehülle. Bislang wirkte der komplett geschlossene Bau nämlich als klimaökologische Blockade und behinderte den Luftaustausch. Um die Durchströmung des Areals wieder zu ermöglichen und auch im Sommer der innerstädtischen Überhitzung entgegenzuwirken, wurden einzelne Bereiche rückgebaut. Das Raumprogramm verteilt sich nun auf neun geschlossene Bereiche. Sechs neu entstandene Höfe werden weiterhin vom bestehenden Tragwerksystem überspannt, berankt, teilweise entsiegelt und mit weiteren Grünflächen versehen. Entstanden sind neue Wegeverbindungen, räumliche Situationen und Überlagerungen von Innen- und Außenraum. Gemeinsam mit zukünftigen Nutzer*innen entwickelten Hütten & Paläste offene, großflächig bespielbare Grundrisse; Nebennutzungen wurden zusammengefasst. Die Perforation des Gebäudevolumens bot die Möglichkeit, Zugänge und natürliches Licht über neue Giebelwände an Stelle der Einschnitte zu gewinnen. Entweder wurden dazu neue, versetzbare und reversible Giebelwände genutzt oder aber bestehende Brandwände als Raumbildner freigelegt – verkleidet und ergänzt durch bereits rückgebautes Material wie etwa Glasbausteine, Profilgläser oder Dachpaneele. Auch Öffnungen in den Längswänden wurden überall dort gesetzt, wo es zur natürlichen Belichtung notwendig war.
Das beim Umbau abgebrochene Baumaterial wurde gesichert und entweder unverändert wiederverwendet oder ertüchtigt und umgenutzt. Dazu zählen etwa Bestandsfenster, die mit einem Motor versehen wurden und nun den Rauchabzug sicherstellen. Die Umbaumaßnahmen führte man größtenteils einfach und reversibel durch, sodass zukünftige Nutzer*innen die Bauteile von Hand sortenrein trennen und an anderer Stelle wiederverwenden können. Transportwege konnten auf diese Weise minimiert und insgesamt ca. 95% der abgebrochenen Bauteile und Materialien wieder eingesetzt werden.
Auf den Pultdächern platzierte das Architekturbüro eine der größten PV-Anlagen Mannheims. Mit 6.500 Quadratmetern überschreitet ihr Energiegewinn den Fernwärme- und Stromverbrauch der U-Halle. Allein dadurch konnte diese während der BUGA ca. 500 t CO2-Emissionen einsparen und muss aufgrund ihrer temporären Nutzung weder beheizt noch gekühlt werden – abgesehen vom dauerhaft genutzten Gastronomiebereich.
Die U-Halle in Mannheim bedient sich damit (auch in Zukunft) all dessen, was vorhanden ist – physisch, sozial und klimatisch. Sie kann wandelbar auf zukünftige Nutzungsszenarien reagieren und ist das bislang größte Beispiel eines nach Prinzipien des zirkulären Bauens transformierten, öffentlichen Gebäudes. Vergangenheit wird integriert und der Gegenwart zunutze gemacht – ohne sich dabei der Zukunft in den Weg zu stellen. Damit stellt sie nicht nur eine Referenz für die Um- und Weiternutzung von Bauwerken dar – sie wird zu einem sichtbaren Zeichen des Umdenkens.
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