Transformation entstammt dem lateinischen Wort „transformatio“ und meint die grundlegende Umgestaltung oder einen tiefgreifenden Wandel hin zu einer neuen Struktur oder Gestalt. Die aktuellen globalen Herausforderungen in Form von Klimakrise, Ressourcenknappheit und weltpolitischen Unsicherheiten machen auch einen Wandel in der Architektur notwendig. Planungen auf der sogenannten grünen Wiese sind zunehmend weder realistisch noch gewünscht. Stattdessen rücken Weiterentwicklungen, Anpassungen und Umnutzungen vorhandener Strukturen in den Fokus. Das Gebot der Stunde lautet: Bestehendes transformieren.
Dem geneigten Dach kommt dabei eine besondere Rolle zu. Sowohl in der Stadt als auch auf dem Land sind seine Form, Konstruktion und Materialität Ausdruck der vorherrschenden Baukultur. Die Transformation des Steildaches kann die Identität eines Ortes schärfen oder sie verändern. Sie kann Altes und Neues miteinander verbinden, aber auch voneinander trennen. Durch Aufstockung, Dachausbau oder die Integration neuer Funktionen schafft sie Mehrwert, ohne die Grundstücksfläche zu vergrößern. Ebenso vielfältig wie seine Gestalt sind inzwischen auch die Funktionen des Steildachs. Längst dient es nicht mehr nur dem Schutz vor der Witterung. Es ist zudem auch prädestinierter Ort für die kontrollierte Ab- bzw. Weiterleitung von Regenwasser, Einbindung oder Aufrüstung mit Photovoltaikanlagen oder eine Begrünung für mehr Biodiversität und die Kühlung unserer Städte. Das Steildach ist demnach eine der Schlüsselzonen von Transformation, in der räumliche, konstruktive und gesellschaftliche Potenziale zugleich genutzt werden können. Mit diesem Blick auf die Dachflächen lassen sich Projekte entwickeln, die vorhandene Strukturen weiterführen, aufwerten und für neue Anforderungen öffnen.
Westlich von Schweinfurt befindet sich die Gemeinde Niederwerrn. Lange Zeit fehlte hier eine Mitte, in der sich die Bewohner*innen treffen, Feste feiern und verweilen konnten. Basierend auf einer ganzheitlichen Betrachtung, um den Ortskern am Übergang von Altort und Siedlung zu stärken und soziale Begegnungsräume zu schaffen, kaufte die Gemeinde auf Initiative von Bürgermeisterin Bettina Bärmann entsprechende Grundstücke oder tauschte sie gegen andere – ein Prozess, der sich über sechs Jahre zog und von Schlicht Lamprecht Kern Architektur Stadtplanung begleitet wurde. Schlussendlich konnte eine zusammenhängende Fläche von 3.500 Quadratmetern erstanden werden, auf der das Büro das Gesamtprojekt „MittenIm“ entwickelte. Zwei zueinander versetzte Neubauten bilden heute das neue Bürgerzentrum. Ihre Satteldächer mit roter Deckung knüpfen an die regionstypische Gestalt der Nachbargebäude an. Ergänzt werden sie um ein kleines Wohnhaus, das zum Museum umgenutzt wurde, sowie die „Energiescheune“ aus dem 19. Jahrhundert. Letztere dient heute als multifunktionaler Raum für die Gemeinde und macht als Informations-Hub die technischen Anlagen zur Energieerzeugung für interessierte Bürger*innen und sichtbar. Dazu zählt auch eine gebäudeintegrierte Photovoltaikanlage auf dem sanierten Dachstuhl, die sich in Form und Farbe in die bestehenden Dachflächen einfügt. Entstanden ist ein neuer, identitätsstiftender Ortskern, der die gewachsene Struktur Niederwerrns erhält und ergänzt sowie (Frei-)Raum für Begegnung und Gemeinschaftsgefühl schafft.
Wie Dächer ungenutzte Strukturen in soziale, produktive Räume überführen und einem ganzen Stadtteil eine neue Identität verleihen können, beweist das Projekt „Angel Yard“ in London. Im Stadtteil Upper Edmonton, einem der einkommensschwächsten Bezirke Englands, transformierten Jan Kattein Architects eine Reihe verfallener Garagen zu erschwinglichen Arbeitsräumen für lokale Initiativen und junge Unternehmen. Basis für den Umbau bietet ein Programm des Stadtrats zur Nachverdichtung und zum Ausbau der sozialen Infrastruktur. Die erforderliche Raumhöhe für individuell nutzbare Einheiten entstand durch die Aufstockung der Garagen mit Tonnendächern. Diese konstruktive Erweiterung ermöglichte die Schaffung von insgesamt 35 Arbeitsräumen. Die neuen Einheiten orientieren sich mit den Fensterflächen zu den Erschließungsflächen zwischen den Gebäuden. Letztere entwickelten die Architekt*innen durch eine lichtdurchlässige Überdachung in Form eines Trogdachs zu gemeinschaftlich nutzbaren Straßenräumen weiter. Mit Dachräumen als zusätzliche ebenso wie verbindende Flächen machten die Architekt*innen aus dem ehemals als kriminell geltenden Brennpunkt einen gemeinschaftlichen Ort für junge Unternehmer*innen.
Im Vorderen Westen der Documenta-Stadt Kassel liegt, verborgen in einem Hinterhof, das Wäschereiquartier. Von der Straße durch einen Neubau abgeschirmt, öffnet sich im Inneren ein begrünter Hof mit Wildblumen und Obstbäumen; eine urbane Oase im dichten Stadtgefüge. Geschaffen wurde sie von Querkopf Architekten, die das historische Gelände mit seinen stark sanierungsbedürftigen Bestandsbauten erwarben. Die Gebäude der ehemaligen Wäscherei Welscher stammen aus der Zeit um 1900 und stehen unter Denkmal- und Ensembleschutz. Ausschlaggebend für die Transformation des Areals war die behutsame Weiterentwicklung der denkmalgeschützten Bestandsbauten – insbesondere über ihre Dachzonen. Herzstück des Quartiers ist der sogenannte „Riegel“, das ehemalige zweieinhalbgeschossige Hauptgebäude aus Backstein. Rund 40 Prozent der Ziegelfassade wurden rekonstruiert und durch eine klar ablesbare Aufstockung aus Cortenstahl ergänzt, die die Farbigkeit der historischen Ziegel aufnimmt. Auch innerhalb der Bauten setzen die Architekt*innen auf eine gezielte Übersetzung der Vergangenheit in die Gegenwart: Die Holzbalken der alten Dachkonstruktion wurden offengelegt und offenbaren nun die Struktur des Bestandes. Die zur Belichtung erforderlichen Dachfenster integrierte man behutsam in das Ensemble.
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